Anatomin's Wege zur esoterischen Erleuchtung im Netz

Zeitsprünge eines Mystikers

Posted in Uncategorized by anatomin on 24. Mai 2009

Im Englischen Garten war es heute offensichtlich zu heiß, um vernünftige Gespräche zu führen. Und wahrscheinlich guckte ich in der Hitze zu belämmert in die Welt, als dass mich jemand für voll genommen hätte. Jedenfalls versuchten gleich zwei Jüngerinnen beziehungsweise Jünger irgendwelcher obskurer Organisationen der fünften Dimension – lies: Sekten -, mich für sich zu gewinnen. Selbstverständlich wäre ich mit denen mitgegangen, hätten sie mir in der Sommerhitze eine Mass spendiert. Taten sie aber nicht. Womit sie durchgefallen waren.

Zuhause lag in meiner Mailbox dafür ein nettes Mail. Und es kam – ihr habt richtig geraten – aus der Schweiz. Es scheint fast so, als herrsche dort ein Nachholbedarf in Sachen Bearbeitung esoterischer Machenschaften.

Und während ich dies schreibe, klingelt die Mailbox gleich noch einmal mit einem dezenten Hinweis auf eine „Therapie“ im südlichen Nachbarland. Dort habe ich übrigens acht Jahre meines Arbeitslebens zugebracht. Und das Grüezi kann ich sogar beinahe akzentfrei aussprechen. Nicht so wie das Grützi, das mir meine Landsleute in anbiedernder Unbehaglichkeit manchmal zugeschleudert haben.

Aber zurück zum ersten Hinweis, den ich erhielt. Es wird auf die Seite des „tune in, Institut für Time Therapie“ in Zürich verwiesen. Time therapie? Noch nie gehört. Könnte ja etwas mit Zeitmanagement zu tun haben. Könnte. Aber stattdessen teilt einem das Institut vollmundig die endgültige Wahrheit mit: „Jeder Mensch hat eine Qualitätsaura… und Schwächen. Jede Schwäche ist das Symptom einer nicht gelebten Qualität.“ Oha. Ich finde meinen Hintern ein wenig zu voluminös, was ich klar als Schwäche, wenngleich nur körperliche, anerkenne. Die Zeittherapie könnte mir demnach helfen, die nicht gelebte Qualität dieser von mir erkannten Schwäche zu definieren? Wieso müssen die mir das Leben so schwer machen, wenn es doch reichen würde, den Eiscreme-Konsum zu reduzieren?

Egal. Wer nur beglückt mich mit so gloriosem Wissen, das mein Leben wohl verändern soll? Es ist ein Manfred Schoch, der auf der Homepage auch gleich seine Biographie zum Besten gibt. Und die gemahnt ein wenig an Pascal Voggenhuber: So viel Erfolg in einem einzigen Leben ist schon beinahe nicht möglich. Geboren wurde er 1946, sah angeblich schon als Kind die Aura seiner Mitmenschen, nahm – Voggenhuber lässt grüssen – Verstorbene und andere Geistwesen wahr und wurde doch zunächst Bauer. Also so ein bodenständiger Kerl, der zuerst mal ne anständige Ausbildung nach seiner Schulzeit macht. Da muss er dann so 22 gewesen sein. Dann aber habe er Psychologie in der Schweiz und England studiert und gleichzeitig seine medialen Fähigkeiten verfeinert. Auch gut. War er also mal geschätzte 27. Dann wurde er Redakteur beim Schweizer Fernsehen. Aber nicht nur Redakteur, sondern „jüngster Redakteur“. Und zwar bei „Dopplet oder nüt“ (Doppelt oder nichts) und „Wünsch Dir was“. Letztere Sendung lief von 1969 bis 1972. Da war Schoch also 23 Jahre alt. Hat er also während seinem Studium in England gleichzeitig als Redakteur gearbeitet? Oder erschien er selber nur als Geistwesen an den Redaktionssitzungen?

Auch Egal, denn er wurde sogleich „Personalchef eines großen Kommunikationsunternehmens“ Und „nach mehreren Lehrjahren mit dem irischen Heiler Bob Moore begann Manuel Schoch 1971 selbstverantwortlich seine Arbeit als energetischer Therapeut“. Moment: 1971? Da war er doch Student. Und Redakteur. Und gleichzeitig Personalchef? Nun, der Fachbegriff dürfte hier „multiple Persönlichkeit“ sein.

schoch

Aber weil er so ein wunderbarer Tausendsassa ist, war er daneben noch „Mitbegründer des analytischen Zentrums in Zürich und wirkte ab 1974 am gleichen Ort als Gründer und Leiter des HiHo-Kollektivs, einer staubaufwirbelnden antipsychiatrischen Institution. In der Folge führte die Entfaltung seiner Heilkunst zur Geburt des tune in, Center for Human Growth.“ Dass er an seinem Institut trotzdem einen Psychiater beschäftigt dürfte dem Umstand geschuldet sein, dass er so die Krankenkassen für den Humbug bezahlen lässt, den er an seinem Institut „lehrt“.

Kurzum: Schoch betätigte sich auf der Welle der Psychokritik als Psycho-Abzocker im Eso-Markt. Kein Wunder also, wenn er sich dann auf seiner Homepage als „modernen Mystiker“ betitelt – so viel Mysteriöses kann nur von einem Mystiker kommen.

Und Schochs Mystik hat es tatsächlich in sich. Denn im Angebot dieses „tune in“ hat es diverse lustige Angebote. Etwa die „offene Gruppe“ in der „time therapie“. Geleitet wird sie selbstverständlich von Manuel Schoch. Oder die Grundausbildung in „time therapie“ – Leitung, wer hätte es geahnt: Manuel Schoch. Dann gibt es noch „Zusatzkurse“ in „time therapie“. Geleitet – na, Sie ahnen es schon: Von Manuel Schoch.

Dass Manuel Schoch ein wahrer Mystiker ist, belegt allein schon die Tatsache, dass er einerseits so viele Angebote leitet, andererseits aber am 10. Oktober 2008 um 11.35 Uhr in Zürich gestorben ist.

Nachtrag: Es sieht so aus, als ob sich das „tune in“ ohne seinen Guru in der Auflösung befindet. Aber das ist nicht so schlimm. Denn die „Therapeutinnen“ und „Therapeuten“ beschäftigen sich mittlerweile auch anderweitig. Sogar im „Akademischen Sportverband Zürich“ an der Eidgenössischen Technischen Hochschule. Verpackt als Shiatsu bietet Zita Sieber dort ihre Dienste an – und verweist dann immer und ganz unauffällig auf das „tune in“. Bleibt zu hoffen, dass wenigstens Studentinnen und Studenten kritisch genug sind, um Siebers Guru Schoch mal zu hinterfragen.

Nachtrag 2: Trägerin des „tune in“ ist die HiHo-Stiftung. Deren Adresse: „c/o Manuel Schoch“. Da fragt sich doch die ungübte Esoterik-Kritikerin, wie die Briefe an die Stiftung ausgeliefert werden.

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